Die Geschichte der  Sennerzucht

von Karl-Ludwig Lackner

Die Senner sind die älteste deutsche Pferderasse, benannt nach ihrem Vorkommen in der unbesiedelten Landschaft der Senne in Ostwestfalen Lippe.  Über Jahrhunderte wurde gemutmaßt, dass es sich bei diesen halbwilden Pferdeherden um entlaufene Tiere der Varusschlacht handelt. Erst modernste wissenschaftliche Methoden konnten Licht in das Dunkel der Herkunft bringen. An Hand des mütterlichen Erbgutes (mtDNA)  aller heute lebender Senner stellte Thomas Jansen 2002 in seiner Dissertation fest, dass die Senner zu keiner europäischen Pferderasse verwandtschaftliche Beziehungen haben. Aus welchem Raum sie nach Lippe gekommen sind, war aber damit noch nicht klar. In einer amerikanischen Studie von A T Bowling, wurde das mtDNA von amerikanischen Vollblutarabern untersucht, um zu klären, auf welche mütterliche Linien sich die Vollblutaraber zurückführen lassen. Dabei stellte sich erstaunliches heraus: Nachkommen zweier Vollblutaraber Stuten entstammen der gleichen mütterlichen Linie wie die Sennerstuten, und zwar die Nachkommen der Haidee, geboren 1869 aus der Zucht von Qumusa Saba Sheikh Sulayman Ibn Murshid von Sbaa, und die Nachkommen der Hamra Johara, geboren 1952, aus der Zucht von König Abu Al-Aziz Ibn Saud. die 1961 aus Arabien in die USA exportiert wurde. Da sich die Abstammung der Senner durch eine exakte Stutbuchführung seit 1713 belegen läßt, müssen die Vorfahren der Senner  weit vor dieser Zeit aus dem arabischen Raum nach Lippe gekommen sein. Ob durch die Varusschlacht wie Jahrhunderte vermutet, wird sich aber wohl nicht mehr klären lassen. 

 

1160    Älteste Erwähnung einer heute noch existierenden Pferderasse

            Der Paderborner Fürstbischof Bernhard I. von Oesede, schenkt dem Kloster Hardehausen

            ein Feld namens Druc (das heutige  Veldrom) und gleichzeitig den dritten Teil seiner

            ungezähmten Stuten (indomitae equae: Bezeichnung  einer planmäßigen Zucht

            eines halbwildes Gestüt)

1493    Anna, Frau des Graf Bernhard VII zur Lippe, läßt die „wilden perde“ zählen und nach

            Jahrgängen und Haarfarben zusammenstellen: 64 Pferde, 23 Mutterstuten mit 18 Fohlen

1541    wird der Begriff "Sender" für die wilden Pferde erstmalig in einem Dankesschreiben erwähnt;

            in Anlehnung an die "Sende", die als Landschaftsbezeichnung für die Senne von Bernhard VII

            im Jahre 1500 benutzt wird.

1578    Bau eines Pferdestalles in Lopshorn

1654-57    Bau eines 30 Ellen tiefen Brunnens in Lopshorn, um die Pferde durch eine Wasserstelle

             an das Gestüt zu binden

1663    Durch Erlass wird den lippischen Untertanen befohlen ihre Felder gegen das Einbrechen

            der Tiere zu schützen

1663    Darstellung der Gestütsgebäude durch einen Kupferstich von Elias van Lennep

1684    Vertiefung des Brunnens

1685    Graf Simon Heinrich lässt das Jagdschloß Lopshorn erbauen

1690    Anlage einer Meierei in Lopshorn mit 69 ha. Der Pächter musste für die wilden Pferde

            von 100 Haufen Roggen das Stroh liefern, sowie kostenlos die nötige Heide zum Einstreuen

1706    Erste genaue Aufzeichnungen : vom 20.Mai bis zum 5. Juli werden 66 Sennerstuten

            von 8 Hengsten gedeckt

1713    Beginn heute noch existierender Gestütsregister, durch die sich die Abstammung der Senner  

            lückenlos zurückverfolgen lässt

1715    Errichtung zweier massiver Pferdeställe

1771    Erster Stallmeister in Lopshorn : Prizelius

1804    Die Senner dürfen nicht mehr im Wald überwintern

1856    Die Fürstlich Lippische Regierung weist in einer schriftlichen Anordnung auf die

            Einzäunungspflicht von Grundstücken hin, zur Verhinderung des Einbrechens von

            Sennern in die Felder

1864    Einzäunung einer Fläche von 38 000 Morgen mit einem 1,9 m hohen Drahtzaun von

            Lopshorn-Kreuzkrug-Berlebeck-Donoper Teich-Lopshorn

1868    Prinz Egon von Thurn und Taxis, Master der Pardubitzer Jagdgesellschaft reitet

            den Senner Johann von Leyden

1874    Schaffung von Gestütsgebäuden auf dem 397 m hoch gelegenen und 68 ha

            großen eingezäunten Winfeld im Teutoburger Wald

1877    Beschränkung der Waldweide und Reduzierung des Pferdebestandes auf 33

1876    16 Sennerstuten begründen Stutenfamilien im neu gegründeten Hauptgestüt Beberbeck,

                deren bekanntester Vertreter ist“Jubelgreis“, der Vater von Oxyd.

            Oxyd ist auch der Großvater von Radetzky.

1918    Am 12.11. 1918 wird der 38 köpfige Bestand des Gestütes formell durch den Lippischen Staat

            beschlagnahmt. 14 Senner werden zwischenzeitlich durch das Fürstenhaus verkauft.

1919    Am 5. und 6. September werden auf der Lopshorner Auktion durch den Verband Lippischer

            Pferdezüchter, weitere 16 Sennerstuten sowie die beiden Deckhengste Eastcheap xx und

            Pascha verkauft.

1919    Am 30 10. kommt das Gestüt durch Domanialvertrag aus dem Besitz des Lippischen

            Fürstenhauses in das Eigentum des neu gegründeten Lippischen Staates. Dieser übernimmt

            7 Senner-, und eine Araberstute. Der Verband der Lippischen Pferdezüchter führt das 

            Gestüt im Auftrag und mit staatlicher Unterstützung  in Lopshorn weiter, und kauft den Arabischen

            Halbblüter Tizian an.

1920    Am 1.7. wird in Lopshorn die Lippische Reit- und Fahrschule gegründet

1928    Auf Grund wirtschaftlicher Schwierigkeiten wird die Reitschule und das Gestüt von

            Lopshorn in den Tiergarten bei Detmold, dem heutigen Freilichtmuseum verlegt.

1934    Nach Neuorganisation des Reitsportes durch Hermann Göring, wurde die Reitschule

            durch die SA übernommen. Damit entfiel die Möglichkeit, dass die Senner, die bisher

            im Reitbetrieb eingesetzt wurden, zu ihrem Unterhalt beitrugen.

1935    Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Lippe wird die Unterstützung

            gestrichen, und das inzwischen auf 16 Pferde angewachsene Gestüt durch

            Auktion am 12.2.1935 aufgelöst

 

            1936 bis 1951:

            Fortführung der Sennerzucht durch Frau Julie Marie Immink

1936    Die Holländerin Frau Julie Marie Immink versucht in Berlin beim Reichsminister

            für Ernährung und Landwirtschaft vergeblich die Wiedereinrichtung der

            Sennerzucht zu erreichen.

1938    Frau Immink zieht nach Lopshorn in das Waldhaus das oft auch als

            Gestütsmeisterhaus bezeichnet wurde

1939    Im Juli kauft Frau Immink die erste Stute (Vernünftige) zurück, und beginnt mit

            dem Aufbau des Gestütes in Lopshorn

1941    Mit den Sennerstuten Vernünftige und Veronika geht Frau Immink im April zu

            Fuß zum Decken zu dem Landbeschäler  Mandub ox nach Sulingen.

            Im September kauft Frau Immink den Hengst Mandub ox , des Landgestütes

            Osnabrück an

1942    Die Sennerstute Usa aus dem Besitz der Familie Lüpke aus Lemgo kommt

            zur Zuchtbenutzung nach Lopshorn

1943    Dr. Gustav Rau rät der lippischen Landesregierung die Sennerzucht zu fördern.

            Die Landesregierung kauft die Stute Vedette, die Frau Immink  im Januar  zur

            Pflege erhält. Im August teilt das Oberkommando des Heeres mit, dass kein Pferd

            zur Aushebung vorgesehen ist. Im September beginnen Verhandlungen mit dem

            Lippischen Fürstenhaus, dass die Absicht äußert, die Sennerzucht wieder auf

            eigene Rechnung zu betreiben, und Frau Immink als Leiterin anzustellen.

1944    Der Pferdebestand beträgt am 23. März 9 Senner, von denen sich die Stute Vedette im

            Eigentum des Lippischen Staates befindet, und drei im Eigentum der Familie Lüpke.

            Fünf gehören Frau Immink. Die Verhandlungen um Übernahme des Gestütes durch

            den Fürsten laufen noch. Der Landstallmeister von Warendorf Herr Bresges erreicht

            es im September, dass die Anordnung des Landesbauernführer zurückgenommen

            wird, die Senner wegen der „außerordentlich knappen Gespannkraft in den

            Arbeitsprozess einzuschalten“ Herr Bresges hilft im November mit einem Bezugschein

            für Hafer, doch die Kreisbauerschaft verweigert die Lieferung von Hafer. Am 19.12.

            fährt Frau Immink nach Berlin, um die Freigabe von Hafer zu erwirken. Am 22.12.

            schreibt der Oberlandstallmeister Dr. Seyffert an den Reichsstatthalter von Lippe:...

            “da Sie mir wiederholt Ihr großes Interesse an der Erhaltung des Sennergestütes dargelegt

             haben, muss ich annehmen, dass es Ihnen möglich sein wird, einen Weg zu finden,

            im Einvernehmen mit der Landesbauerschaft  die Versorgung der Pferde mit Futtermitteln

            sicherzustellen.“

1945    Am 3.1.1945  wird Frau Immink vom Reichsstatthalter mitgeteilt, dass sie für das laufende

            Wirtschaftsjahr 150 Zentner Hafer zugeteilt bekommt. Der Getreidewirtschaftsverband

            Westfalen schickt ihr am 2.2. einen Bezugsschein für die Zeit vom 1.10.44  bis 30.9.45

            über 6570 kg ( 365 Tage * 12 Pferde * 1,5 kg)

1945    Am 25.4. flüchtet Frau Immink mit den Pferden nach Johanettental (Lippische Staatsdomäne),

            da Fremdarbeiter, meist Polen und  Russen  aus den Augustdorfer Militärbarackenlagern

            Lopshorn plündern, und am 3.Mai in Brand  setzen. Bestand bei Kriegsende: 16 Senner

1946    Mit Wirkung vom 1.3. streicht die Lippische Landesregierung den monatlichen

            Staatszuschuss an Frau Immink in Höhe von 200 RM für die „Wartung und Pflege

            der Sennerpferde“ Frühjahr: Übersiedlung in den Heidehof Schapeler bei Augustdorf,

            hier stand den Pferden keine Weidefläche, sondern nur Heide zur Verfügung.

            Futterbeschaffung äußerst schwierig. Trotz Bezugschein für eine Tonne Hafer,

            erhält Frau Immink erst im November, wieder nach Intervention von Herrn Landstallmeister

            Bresges, 119,63 dz Hafer. Inzwischen sind 3 Stuten und ein Fohlen durch Futtermangel

            eingegangen. Frau Immink plant die Auflösung des Gestütes und die Überführung

            der Senner nach Holland. Gleichzeitig laufen Bestrebungen zur Gründung eines „Vereins

            der Sennerfreunde“ ,durch den die Senner unterstützt werden sollen

1947    Im Februar hilft Landstallmeister Bresges wieder mit 10 Zentner Hafer aus.

            Verhandlungen über die Verpachtung des Gutshofes Schapeler laufen.

            Im November rät ihr der Landstallmeister Bresges die Senner nach Holland zu

            überführen. Am 17. November werden 5 Senner (Vernünftige, Vertraute, Maja,

            Mundschalli und Marc Roi) durch die Tochter von Frau Immink, Frau J.M. van  Amersfoort

            (heute Südafrika) nach Holland gebracht

1948    Im März hilft Landstallmeister Bresges wieder mit 5 Zentner Hafer aus.

1949    Im August kauft Frau Immink die Sennerstute Ingrid an.

            Im September bemüht sich Frau Immink die Senner aus Holland zurückzuholen.

            Ihre Tochter, die die Senner bis jetzt in Holland betreut hat, heiratet, und wandert

            nach Australien aus. Vernünftige und Maja gehen in den Besitz von Frau Immink

            zurück, und werden in der Tierärztlichen Hochschule zur Zucht benutzt. Die 3 anderen

            Senner werden verkauft.  Von den nach Holland verbrachten Sennern existiert heute

            keine Nachzucht mehr.

1950    Im März  immer noch keine Erlaubnis die Pferde aus Holland zurückzuholen.

            Ingrid wird von Ramzes AA in  Vornholz gedeckt.

   6.11. Eingabe an die Lippische Landesregierung um Unterstützung zur Einrichtung

   eines   internationalen Studentenreiterlagers auf dem Schapeler, durch das sich

   die Sennerzucht finanzieren soll.

1951    Nach Scheitern des Vorhabens Reiterlager,  fehlt die  finanzielle Basis, die 

            Senner aus Holland zurück zuholen. Die letzte Sennerstute Ingrid wird tragend von

            Ramzes AA nach Holstein verkauft.

            Sennerbestand der Frau Immink

            

            1954-69

            Fortführung der Sennerzucht durch Familie Lüpke auf Gut Ottenhausen

1961    Der Senner Racker VIII aus der Zucht der Familie Lüpke wird in Berlin 4. der

            Deutschen Meisterschaft im Springreiten

            Sennerbestand der Familie Lüpke

            

            Ab 1970

            Fortführung der Sennerzucht durch  Familie Lackner

   Beginn der Zucht mit dem Zuchtmaterial der Familie Lüpke, u. z. Indra und Jade,

   sowie mit Norma, die ich zusammen mit ihrer Mutter Alkmene (v. Ramzes x) nach

    jahrelanger Suche  in Rheinland Pfalz wiederfand

1976    Ankauf  des Hengstes Kallistos x nach dem Tod des Baron von Nagel/Vornholz.

            Vater von Kalypso und Kaktus, platziert in Welt Cup Springen, sowie von Troupier,

            Teilnehmer der Olympiade in Barcelona, und platziert bei der Europameisterschaft in

            Pratoni/Italien, qualifiziert für die Olympischen Spiele in Atlanta.

1985    Norma eingetragen im Leistungsstutbuch der FN Liste C: auf Grund der Turniererfolge

            ihrer Nachkommen sowie im Leistungsstutbuch Liste D: auf Grund der Zuchterfolge

1986    Ankauf des Hengstes Tallis x für die Sennerzucht

1990    Der Senner Kasimir 29 (Norma-Kallistos) international platziert beim CSI Wiesbaden

            und CSI Mannheim unter Wilfried Sötebier

1993     Aufnahme der Senner in die Liste der bedrohten Haustierrassen der Animal Genetic Bank

            bei der Tierärztlichen Hochschule Hannover

1993    Aufnahme der Senner in die World Watch List für bedrohte Haustierrassen der

            Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen (UN)

1996    Wiedereinrichtung eines eigenständigen Stutbuches für die Senner beim

            Westfälischen Pferdestammbuch

1997    Ankauf des Vollbluthengstes Rio Grande xx für die Sennerzucht

1998    Überreichung des Tierschutzpreises an Karl-Ludwig Lackner für den Erhalt der Senner

            durch den Lippischen Heimatbund

2000    Aufnahme der Senner in das Förderprogramm der EU für die Zucht vom Aussterben

            bedrohter lokaler Haustierrassen

2002    Thomas Jansen stellt in seiner Doktorarbeit an Hand der Untersuchung der

            mitochondrialen DNA fest, dass die Senner zu keiner anderen Deutschen Pferderasse

            verwandtschaftliche Beziehungen haben.

2005    Ankauf des Hengstes Tuti Fruti AA für die Sennerzucht von der französischen

            Gestütsverwaltung in Le Pin

            Auszeichnung mit dem Prädikat "Arche Züchter" für die langjährige Erhaltungszucht

            des Senner Pferdes durch die GEH

2006    Anerkennung des Zuchtverband für Senner Pferde e.V. (ZfSP) als Züchtervereinigung

            nach § 7 Tierzuchtgesetz durch das Ministerium für Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft

            und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, der das Ursprungszuchtbuch für die

            Senner führt

2007    Pacht des französischen Anglo Araberhengstes Fandsy *AA*

2008    Pacht des französischen Anglo Araberhengstes Quack *AA*

2013    Körung des Sennerhengstes Otto

 

            Weltweiter Bestand im November 2014:

        26 Sennerstuten, davon 18 im zuchtfähigen Alter.

            7 dieser Stuten befinden sich zur Zeit im Besitz der Familie Lackner

            45 Senner wurden bis zum Jahre 2014 von der Familie Lackner gezüchtet

            Gesamtbestand aus der Zucht und dem Besitz der Familie Lackner